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Gerecht, Gerechtigkeit. Während das deutsche Wort „gerecht“ nur bedeutet, dass man das Recht anderer achtet und jedem sein Recht widerfahren lässt, sei es vor Gericht, sei es im täglichen Leben, hat das biblische mit gerecht übersetzte Wort einen viel weiteren Sinn. Es bedeutet einfach, dass (eine Sache oder) ein Mensch recht ist, so ist, wie er sein soll, unsträflich, rechtschaffen, wie denn auch Luther oft „fromm“ übersetzt (vergleiche „fromm“). Das Wort wird im Hebräischen sogar von leblosen Dingen in diesem Sinn gebraucht, 3Mos. 19, 36, wo (ge-) rechte Waage, (ge-) rechte Pfunde, Scheffel und Kannen gefordert werden, das heißt also Maße, die so groß sind und dergleichen wie sie sein sollen.
Ganz überwiegend aber wird das Wort von Menschen und von Gott gebraucht.
1) Von Menschen. a) Gerecht heißt derjenige, der in einem Rechtsstreit oder bei einer Anklage das Recht auf seiner Seite hat, also „der Unschuldige“. An vielen Stellen wird dem Richter eingeschärft, dem „Gerechten“ sein Recht zukommen und sich nicht durch Geschenke bestechen zu lassen, zum Beispiel 2Mos. 23, 8f; 5Mos. 25, 1; Spr. 17, 15; Spr. 18, 5; Jes. 5, 23. Dieser Begriff spielt wenigstens mit herein, wenn Jesus, Apg. 3, 14; Apg. 7, 52 (vielleicht auch Jak. 5, 6), der Gerechte heißt, den die Juden verleugnet und verraten haben. Sache des Richters ist es, Gerechtigkeit zu üben, dem „Gerechten“ zu seinem Recht zu helfen, wie es von David gerühmt (2Sam. 8, 15) und von allen Königen Israels gefordert (Jer. 22, 3) und von dem großen Davidssohn verheißen wird (Jes. 9, 6; Jes. 11, 4; Jes. 32, 1, vergleiche Jes. 1, 26).
B) Gerecht = unsträflich, rechtschaffen vor Menschenaugen, 1Mos. 20, 4; 2Sam. 4, 11; 1Kön. 2, 32; Amos 2, 6; Amos 5, 12; dass zwischen solchen und zwischen frechen Bösewichtern, die jene oft genug bedrücken, ein großer Unterschied sei, will die Bibel mit der Lehre, dass alle Menschen Sünder seien, keineswegs bestreiten.
C) Aber selbst Gott gegenüber erkennt die Schrift dem einen Teil der Menschen eine gewisse „Gerechtigkeit“, das heißt eine gewisse Angemessenheit an seinen Willen zu, im Unterschied von den „Gottlosen“, die nichts nach Gott fragen; freilich nimmt mit der sich vertiefenden Erkenntnis des Wesens und Willens Gottes auch die Erkenntnis zu, dass alle menschliche Gerechtigkeit auf dem Grunde göttlicher Gnade ruht und doch ein unvollkommenes Stückwerk bleibt. — So nennt also die Schrift zunächst ganz einfach diejenigen Menschen „gerecht“, die sich mit ihrer Gesinnung und ihrem Leben auf den Boden der ihnen zugänglichen Offenbarung stellen. Gerade in diesem Fall übersetzt Luther meist „fromm“. Ein Noah (1Mos. 6, 9), ein David (1Kön. 3, 6), ein Hiob und Daniel (Hes. 1Kön. 14, 14) im Alten Testament, ein Zacharias und eine Elisabeth (Luk. 1, 6), ein Joseph von Arimathia (Luk. 23, 50), ein Kornelius (Apg. 10, 22) im Neuen Testament heißen so „gerecht“.
Fürs Genauere aber müssen wir Altes und Neues Testament unterscheiden. Im Alten Testament treten namentlich in den Psalmen und Sprüchen sehr häufig die Gerechten und die Gottlosen einander gegenüber. Was die Gerechten von den Gottlosen unterscheidet, ist das aufrichtige Streben, es Gott und Menschen recht zu machen. Gesinnung und Wandel kommen dabei gleichmäßig in Betracht. So ist’s in den Schilderungen des Gerechten, Jes. 33, 15; Hes. 18, 5–9. Der Gerechte hat seine Freude am Herrn (Psa. 32, 11; Psa. 33, 1), und setzt sein Vertrauen auf ihn (Psa. 64, 10); es ist ihm eine Freude, zu tun, was recht ist (Spr. 21, 15); das Gesetz Gottes ist in seinem Herzen (Psa. 37, 31); Lügen ist er feind (Spr. 13, 5); gegen den Nächsten barmherzig und mild (Psa. 37, 21); ja er erbarmet sich auch seines Viehs (Spr. 12, 10). Bestimmter als in diesen gelegentlichen Schilderungen heißt es 5Mos. 6, 25: Es wird unsere Gerechtigkeit sein vor dem Herrn unserem Gott, so wir tun und halten alle diese Gebote, wie er uns geboten hat. Dass es dabei mit einer äußerlichen Gesetzeserfüllung nicht getan sei, betonen alle Propheten immer aufs Neue (vergleiche zum Beispiel Jes. 58, 2 und sonst). Aber es ist nun nicht etwa die Meinung, dass diese „Gerechten“ ganz sündlos seien.
Einerseits kann ein früherer Gottloser durch ernstliche Bekehrung in die Reihen der Gerechten eintreten, Hes. 18, 21. Hes. 18, 22, andererseits muss auch der Gerechte für Schwachheitssünden die Gnade Gottes anrufen (vergleiche Psa. 25, 7; Hiob 13, 26; Hiob 14, 4). Aber erst durch Bosheitssünden, dadurch, dass er lebt wie ein Gottloser, tritt er aus den Reihen der Gerechten aus (Hes. 18, 24). — Was nun den Wert dieser Gerechtigkeit betrifft, so sind allerdings im Alten Testament einzelne Stellen, nach denen es scheinen könnte, als ob sie für etwas Vollkommenes gelten wolle, und als ob sie den Anspruch an Gott erheben könne, dass er sie anerkennen und belohnen müsse. So zum Beispiel Psa. 18, 21ff.: der Herr tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit; er vergibt mir nach der Reinigkeit meiner Hände und so weiter (vergleiche Psa. 7, 9; Psa. 35, 24 und andere). Allein wenn auch für ein christlich vertieftes Sündenbewusstsein diese Ausdrücke zu stark sind, so sind sie doch auch nicht im Sinne anmaßender Selbstgerechtigkeit zu verstehen, sondern sie wollen nur bezeugen, dass der Psalmist sich teils seinen gottlosen Feinden gegenüber entschieden im Recht weiß, teils, dass er sich eines aufrichtigen Strebens bewusst ist, Gottes Willen zu tun.
In diesem Sinne spricht sich eine überwiegende Mehrzahl von Stellen schon im Alten Testament mit unmissverständlicher Klarheit aus. Wenn zum Beispiel Hiob anfangs auch diesen Standpunkt, dass er völlig gerecht sei, mit großer Entschiedenheit und mit scheinbarem Recht verteidigt (siehe zum Beispiel Hiob 27, 6; Hiob 29, 14; Kapitel Hiob 31), so muss er sich nicht bloß von den Freunden verhalten lassen, dass ein Mensch nicht gerecht sein mag vor Gott (Hiob 4, 17; Hiob 15, 14; Hiob 25, 4), sondern er muss zuletzt auch selbst bekennen, dass er unweise geredet habe (Hiob 42, 3). Pre. Hiob 7, 20 heißt es: es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er Gutes tue und nicht sündige. Jesaja bekennt: alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid (Jes. 64, 5). Daniel betet: wir liegen vor dir mit unserem Gebet, nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit (Dan. 9, 18). Selbst ein Abraham galt nicht deswegen vor Gott für gerecht, weil er nie gefehlt hätte, sondern sein Glaube wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet (1Mos. 15, 6). So bezeugt auch Habakuk: der Gerechte lebt durch den Glauben (Hab. 2, 4).
Aus diesen Stellen geht klar hervor, dass es Gnade von Gott ist, wenn er die unvollkommene Gerechtigkeit, die sein Volk ihm darbringt, als Gerechtigkeit gelten lässt.
Und wenn so oft Leben und alles Gute als Frucht der Gerechtigkeit erhofft wird (namentlich in den Sprüchen), so wird das doch nicht eigentlich als Lohn gefordert, sondern als Gnadengabe erbeten (siehe zum Beispiel Psa. 26, 11, vergleiche Vers Psa. 26, 1). Ja manche Prophetenstellen bezeichnen die Gerechtigkeit selbst als ein Geschenk, das von Gott seinem Volk zukommt, Jes. 45, 24f: Im Herrn habe ich Gerechtigkeit…; im Herrn wird gerecht aller Same Israels, vergleiche Vers Jes. 45, 8. Jes. 58, 8: deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen; Jes. 62, 1: ihre Gerechtigkeit geht auf wie ein Glanz. Jer. 23, 6, der Name des verheißenen Davidssohns: „Jahveh ist unsere Gerechtigkeit.“ Hos. 10, 12: bis dass er komme und regne über euch Gerechtigkeit.
Wenn in all diesen Stellen die Zuerkennung dieser Gerechtigkeit als eine Weissagung für die messianische Zeit auftritt, so ist zwar einerseits vorausgesetzt, dass ein wirklicher sittlicher Aufschwung des Volks vorangehe, andererseits aber doch betont, dass die Hauptsache eine neue Gnadenoffenbarung Gottes ist.
Und in der Stelle Jes. 53, 11 wird vollends ein Blick in das innerste Geheimnis dieser neuen Gnadenoffenbarung und Gerechtigkeit eröffnet, wenn es heißt: er, mein Knecht, der Gerechte, wird viele gerecht machen, denn Er trägt ihre Sünden.
— Als Jesus erschien, war von dieser tiefen prophetischen Erkenntnis nichts mehr im Volk Israel vorhanden: die Pharisäer hatten die Aufgabe der Gerechtigkeit ganz veräußerlicht und zugleich ihre Lösung ganz der menschlichen Kraft zugemutet. Der Messias, das war pharisäische Anschauung, werde nicht kommen, bis sein Volk die Gerechtigkeit einer vollkommenen Gesetzeserfüllung sich erworben. Daher musste Jesus vor allem diese pharisäische Gerechtigkeitslehre bekämpfen, und zwar in doppelter Hinsicht.
Er musste der pharisäischen Veräußerlichung entgegentreten, Matth. 5, 20: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Die Bergpredigt (Matth. 5, 21ff; Matth. 6, 1–18), die Verhandlungen über Menschensatzungen und Gottesgebote (Matth. 15), endlich die Weherufe über die Schriftgelehrten und Pharisäer (Matth. 23) sind Zeugnisse dafür, wie Jesus Reinheit und Aufrichtigkeit der Gesinnung und vollkommene Selbstlosigkeit als Forderungen der wahren Gerechtigkeit aufstellte.
Aber Jesus hatte auch den Wahn zu bekämpfen, dass die Gerechtigkeit Sache menschlicher Kraft sei. Daher pries er in der Bergpredigt diejenigen selig, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, und verhieß ihnen, dass sie satt werden sollen im Himmelreich (Matth. 5, 6, vergleiche Matth. 6, 33: Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner [Gottes] Gerechtigkeit); daher gesellte er sich zu Zöllnern und Sündern und teilte Vergebung der Sünden unter ihnen aus (Matth. 9, 2. Matth. 9, 11–13; Luk. 7, 48); daher zeigte er im Gleichnis vom verlorenen Sohn vollends klar und deutlich, dass für uns Menschen, wie wir sind, die Zugehörigkeit zu den „Gerechten“ ein unverdientes Geschenk der göttlichen Gnade ist und nicht ein Verdienst selbstbewusster menschlicher Leistung (Luk. 15, 11–32).
Jesus hat allerdings über diesen zweiten Punkt weniger mit den Pharisäern gestritten, als über den ersten, weil sein Verständnis eben jenes Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit voraussetzt, das den Pharisäern völlig abging. Aber man kann ihn darum doch unmöglich übersehen.
Erst inmitten der Christengemeinde, die sich der neugeschenkten Gerechtigkeit erfreute, hat Paulus es lehrhaft entwickelt, was für ein großer Unterschied sei zwischen dem neuen Weg, vor Gott gerecht zu werden, und dem alten Weg, auf dem der natürliche Mensch, er sei Jude oder Heide, dieses Ziel zu erreichen sucht.
Gerecht sind wir alle, die wir an Christus glauben, wir gehören nicht mehr zu den Gottlosen, auf denen der Zorn Gottes ruht – das ist die Grundvoraussetzung der paulinischen Lehre (vergleiche Röm. 1, 17. Röm. 1, 18; Röm. 5, 6–9). Aber wir sind es nicht durch eigenes Verdienst geworden; das ist schon daraus klar, weil überhaupt eine tiefer eindringende Betrachtung zeigt, dass weder Jude noch Heide, überhaupt kein Fleisch je durch Gesetzes Werke, das heißt durch aus eigener Kraft gewirkte Erfüllung des göttlichen Willens vor Gott gerecht geworden ist (Röm. 1, 19–3, 20). Damit wird nicht etwa, was wir im Alten Testament über den Unterschied von Gerechten und Gottlosen gefunden haben, für falsch erklärt, sondern es wird nur der den alttestamentlichen Frommen teilweise selbst noch nicht ganz klar bewusste Entstehungsgrund ihrer Gerechtigkeit aufgedeckt: es war Gnadengerechtigkeit, nicht Werkgerechtigkeit (Röm. 4, 1–8).
Gnadengerechtigkeit ist es also vollends, welche die Christen besitzen: Röm. 3, 24, sie werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade. Aber diese Gnadengerechtigkeit besteht nun nach neutestamentlicher Lehre nicht darin, dass Gott die unvollkommene menschliche Gerechtigkeit nachsichtigerweise für voll ansieht (wie es teilweise im Alten Testament scheinen konnte), sondern Gott „bietet die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, dar in dem, dass er Sünde vergibt“ (Röm. 3, 25) auf Grund der durch Christus geschehenen Erlösung.
Sündenvergebung ist der Mittelpunkt der neutestamentlichen Gnadengerechtigkeit. Was den Christen, von der geschenkten Gerechtigkeit abgesehen, vom Gottlosen unterscheidet, sind nicht seine, ja doch unvollkommenen guten Werke, sondern nur der Glaube an Jesus Christus, der ohne weitere Ansprüche die Gnade als Gnade ergreift (Röm. 4, 5).
Daher ist die Gnadengerechtigkeit der Christen zugleich Glaubensgerechtigkeit und schließt alle Beteiligung der Werke an unserem Gerechtigkeitsstand aus (Röm. 3, 28, vergleiche Röm. 1, 17. Weiteres siehe Glauben). Diese Gerechtigkeitslehre, die das Gewissen ebenso weckt wie tröstet, hat freilich schon zu Paulus Zeiten den Vorwurf auf sich geladen, dass sie die Sünde befördere. Aber Paulus hat auch schon diesen Vorwurf widerlegt und gezeigt, dass auf dem Grund dieser geschenkten Glaubensgerechtigkeit eine Lebensgerechtigkeit im Christen erwächst, „dass der Glaube durch die Liebe tätig sei“ (Gal. 5, 6, vergleiche Eph. 4, 24; Phil. 1, 11). Denn der Glaubende ergibt sich so ganz Christo, dass er ein Knecht der Gerechtigkeit wird (Röm. 6) und, vom Geist Christi erfasst, die Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, erfüllt (Röm. 8, 4).
Tun wir es aber im Geist Christi, so ist keine Gefahr, dass wir in jene pharisäische Äußerlichkeit und Oberflächlichkeit zurückfallen, die Christus bekämpfen musste: aus der Glaubensgerechtigkeit erwächst eine Geistesgerechtigkeit (Röm. 14, 17). Doch können alle Fortschritte in der Lebensgerechtigkeit nichts hinzufügen zu der Freude, die der Christ auf Grund der Gnadengerechtigkeit für Gegenwart und Zukunft besitzt (Röm. 5, 1. Röm. 5, 2). In keiner anderen Schrift des Neuen Testaments ist das Wesen der christlichen Gerechtigkeit so scharf und tief erfasst, wie bei Paulus; aber darin stimmen doch alle Verfasser zusammen:
1) dass die Christen Gerechte sind und sich wesentlich unterscheiden von der gottlosen Welt (vergleiche zum Beispiel 1Petr. 4, 18; Jak. 5, 16); 2) dass ihre Gerechtigkeit ein Gnadengeschenk Gottes ist.
Dies wird auch im Jakobusbrief nicht bestritten, der allerdings Jak. 2, 14ff insofern auf den Standpunkt der alttestamentlichen Weissagung zurückkehrt, als er lehrt, Gottes Rechtfertigungsgnade nehme des Menschen gute Werke, obgleich sie ja nicht vollkommen sind (Jak. 3, 2), als ausreichend an. Dass die sündenvergebende Gnade Gottes den Menschen soweit bringen kann, auch seine eigene Gerechtigkeit um Christi willen für Schaden zu achten (Phil. 3, 7), nur um nicht irgendwie von eigenem Werk die Hoffnung der Seligkeit abhängig zu wissen, diese Wahrheit war dem Jakobus nach seiner Lebensführung noch nicht aufgegangen. Und darum erblickt er auch in dem Ausdruck: „der Mensch werde gerecht allein durch den Glauben,“ eine Gefahr für die sittliche Tatkraft des Christen —, es mochten ihm Beispiele vor Augen liegen, die diese Befürchtung zu rechtfertigen schienen (Jak. 2, 15. Jak. 2, 16); auch Paulus kannte solche Beispiele (Röm. 6, 1).
Wir als evangelische Christen werden uns zwar immer an Paulus halten in der Frage, wie wir vor Gott gerecht werden, aber Jakobus wird uns eine beständige Warnung sein, die Glaubensgerechtigkeit nicht als Trägheitspolster zu missbrauchen. In einigen Stellen des Neuen Testaments wird Gerechtigkeit nicht in dem Sinn allgemeiner Rechtbeschaffenheit gebraucht, sondern als einzelne Tugend neben anderen; so Eph. 5, 9; Eph. 6, 14; 1Tim. 6, 11; 2Tim. 2, 22; da bezeichnet es das rechtliche Verhalten gegen den Nebenmenschen, das niemand unrecht tun will.
— 2) Von Gott. Auch bei Gott bezeichnet „gerecht“, dass sein ganzes Wesen und all sein Tun ist, wie es sein soll, wie man es mit Recht von ihm erwartet. Das ist freilich menschlich geredet, weil ja niemand über Gott ist, der ihm vorschreiben könnte, wie er sein soll, oder dem er Rechenschaft darüber geben müsste.
Aber Gott selbst lässt sich dazu herab, sein Tun und Lassen einer solchen Prüfung vor Menschenaugen zu unterwerfen, um zu beweisen, dass niemand sich mit Recht über ihn beklagen könne (Hiob 8, 3; Jer. 2, 5; Psa. 51, 6). „Gerecht und fromm ist er“ heißt es 5Mos. 32, 4, und 5Mos. 3, 5 wird dies erklärt mit den Worten: der Herr ist gerecht und tut kein Arges, vergleiche Psa. 145, 17: der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen. In dieser vollkommenen Gerechtigkeit ist Gott Vorbild seiner Kinder (1Joh. 2, 29; 1Joh. 3, 7); während freilich die Welt ihn in derselben gar nicht kennenlernt (Joh. 17, 25).
Doch ist es, wie schon die bisherigen Stellen zeigen, nicht sowohl das innere Wesen Gottes, das noch am wenigsten einer menschlichen Prüfung sich unterwerfen kann, als vielmehr sein Walten auf Erden, dem „Gerechtigkeit“ zugeschrieben wird. Gerechtigkeit ist die Eigenschaft, die sein königliches Wirken ziert; daher heißt es Psa. 89, 15 und Psa. 97, 2: Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhles (= Thrones) Festung (= unerschütterliche Grundlage); daher wird für den irdischen König Psa. 72, 1 erfleht: Gott, gib deine Gerechtigkeit des Königs Sohne, dass er dein Volk richte mit Gerechtigkeit.
Aber dieses Richten schließt schon beim irdischen König, noch mehr bei Gott nach biblischen Begriffen viel mehr in sich, als wir gewöhnlich bei diesem Wort denken, nämlich nicht bloß die Bestrafung der Gesetzesübertreter, sondern in erster Linie die treue Fürsorge des Königs für das Wohl seines Reiches, in zweiter Linie gehört es allerdings auch zu seiner Regentenpflicht, wenn Gott teils unwürdige Glieder seines Reiches ausrottet, teils äußere Feinde desselben bekämpft. Falsch ist es also, die Gerechtigkeit so von der Gnade zu unterscheiden, als ob jene nur zur Haushaltung des Gesetzes, diese nur zur Haushaltung des Evangeliums gehörte; als ob während der „Gnadenzeit“ Gottes Gerechtigkeit sich zurückziehen müßte, um erst am Endgericht wieder hervorzutreten. Gerechtigkeit und Gnade sind vielmehr nur so zu unterscheiden, dass dieselbe Tat Gottes der göttlichen Gerechtigkeit zugeschrieben wird, wenn man darauf aufmerksam machen will, dass man es mit Rücksicht auf Gottes Regentenehre gar nicht anders von ihm erwarten konnte; dagegen seiner Gnade wird dieselbe Tat zugeschrieben, wenn man betonen will, dass man sie mit Rücksicht auf die menschliche Unvollkommenheit und Sünde in keiner Weise erwarten oder beanspruchen konnte. Daher werden wirklich in der Bibel ganz dieselben Dinge bald der Gerechtigkeit, bald der Gnade Gottes zugeschrieben, wenn auch im Neuen Testament Gnade häufiger als Gerechtigkeit erwähnt wird.
Gehen wir es nun im Einzelnen durch, wie Gott als König seines Reiches Gerechtigkeit übt. Im Alten Testament stehen noch die äußerlichen Beweise seiner Fürsorge voran; insbesondere wird oft Gottes Gerechtigkeit von solchen gepriesen, die er von gottlosen Bedrängern errettet hat (zum Beispiel Psa. 7, 17; 22, 32; Psa. 36, 11; Psa. 40, 10. Psa. 40, 11, vergleiche Psa. 40, 14ff und oft), denen er zu ihrem Recht verholfen hat (Psa. 35, 24. Psa. 35, 28; Psa. 103, 6). Ebenso soll ganz Israel von der Gerechtigkeit seines Regimentes erzählen (Richt. 5, 11; 1Sam. 12, 7; Luther: alle Wohltat des Herrn; Micha 6, 5, Grundtext: daran ihr erkennen solltet die Gerechtigkeiten Gottes; Luther: „wie der Herr euch alles Gute getan hat“, vergleiche Psa. 89, 17); dieser Gerechtigkeit unterliegen Israels Feinde; Micha 7, 9, er wird mich ans Licht bringen, dass ich meine Lust an seiner Gerechtigkeit (Luther: Gnade) sehe, nämlich wie er meine Feindin zu Schanden macht; Jes. 41, 10: ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit (vergleiche den folgenden Vers); Jes. 51, 5: meine Gerechtigkeit ist nahe, und meine Arme werden die Völker richten.
Und auch die Feinde in Israels Mitte werden durch die göttliche Gerechtigkeit hingerafft: Jes. 5, 15f, dass die Augen der Hoffärtigen gedemütigt werden und Gott geheiligt werde in Gerechtigkeit, Jes. 10, 22, vergleiche auch Jes. 28, 17; Jes. 1, 27. Umfassender aber und innerlicher wird das Werk der Gerechtigkeit beschrieben Hos. 2, 21: ich will mich mit dir vertrauen in Gerechtigkeit und Gericht. Jes. 42, 6: ich habe dir gerufen mit Gerechtigkeit — wonach die ganze Erwählung Israels und ihre Neubestätigung in der messianischen Zeit ein Ausfluß seiner „Gerechtigkeit“, seiner göttlichen Regententugend ist. So sind denn auch seine Gesetze, die er Israel gab, „Rechte der Gerechtigkeit“, ein Wort seiner Gerechtigkeit (Psa. 119, 62. Psa. 119, 123). Ja diese Gerechtigkeit steigt gleichsam vom Himmel herab als eine alles ordnende und segnende Macht, Psa. 85, 12, vergleiche V. Psa. 85, 11; Jes. 45, 8: Träufelt ihr Himmel von oben und die Wolken regnen Gerechtigkeit!
Von hier aus ist es nun auch zu verstehen, wenn es im Neuen Testament heißt, dass im Evangelium sich die „Gerechtigkeit Gottes“ offenbart (Röm. 1, 17; Röm. 3, 21. Röm. 3, 22. Luther: die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, was nur dem Sinn nach richtig ist). Im Evangelium hat die „königliche Fürsorge“ Gottes für sein Volk sein richterliches, freisprechendes, rechtfertigendes Walten den Höhepunkt erreicht, indem er in Christus Jesus Sündenvergebung anbietet, und damit die Gläubigen aufnimmt als vollberechtigtes Glied seines Reiches, als einen der „Gerechten“ („auf dass er gerecht sei und gerecht mache den, der da ist des Glaubens an Jesum“, Röm. 3, 24–26). Hier wird also das, was wir oben bei Besprechung der menschlichen Gerechtigkeit als die geschenkte Gnadengerechtigkeit kennen lernten, auch auf Seiten Gottes nicht seiner Gnade, sondern seiner Gerechtigkeit zugeschrieben. Und dasselbe sagt Johannes mit klaren Worten in seinem ersten Brief (Joh. 1, 9): So wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt.
Es gibt nun aber neben den bisher besprochenen noch eine Anzahl Stellen, in welchen Gottes Gerechtigkeit nicht auf sein königliches Walten zum Wohl seines Reiches bezogen ist, sondern auf sein Weltrichteramt und da die gerechte Vergeltung bedeutet, die er als Weltrichter ausübt. So, wenn Pharao 2Mos. 9, 27 sagt: ich habe diesmal mich versündigt, der Herr ist gerecht! oder 2Chr. 12, 6; Esr. 9, 15; Neh. 9, 33; Kla. 1, 18; Dan. 9, 14, — lauter Stellen, in welchen solche, die von Gottes Gerichten getroffen wurden, anerkennen, dass dieselben eine gerechte Vergeltung ihrer Sünden gewesen seien. Vergleiche ferner Röm. 1, 32; Röm. 2, 5f; 2Tim. 4, 8; 1Petr. 2, 23; Offb. 16, 5. Offb. 16, 7 — Stellen, in welchen vom Endgericht die Rede ist, und die gerechte Vergeltung nicht bloß auf die Strafen, sondern auch auf die Belohnungen, die Gott austeilt, bezogen ist.
Th. Hermann.
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About Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriertDas Calwer Bibellexikon ist einer der bekanntesten Namen unter den deutschsprachigen Bibellexika. Laut Vorwort ist es als ein Handbuch für den nachdenkenden Bibelleser, Geistlichen oder Religionslehrer gedacht. Das Nachschlagewerk soll es dem Leser ermöglichen, ein „eben gelesenes Bibelwort als ein Glied in das ganze Gebäude seiner biblischen Anschauungs- und Gedankenwelt“ einzufügen. Der Herausgeber Paul Zeller merkt zudem an, das Werk sei „in dem einen Geist demütiger Ehrfurcht vor dem Worte Gottes und herzlicher Liebe zu der heiligen Schrift“ entstanden (Vorwort 2. Aufl.). Das Calwer Bibellexikon erschien zum ersten Mal im Jahr 1884, die zweite Auflage 1893, beide erfreuten sich großer Nachfrage. Die hier verfügbare dritte Auflage (1912) ist das Ergebnis einer umfassenderen Umarbeitung und teils auch Verkürzung. Der Herausgeber und die Mitwirkenden stammten zumeist aus der Württembergischen Landeskirche und der Schweiz. Bekannt war es auch unter dem alternativen Titel „Biblisches Handwörterbuch, illustriert“. |
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